Pettis Stationen
Einer der Pettluiser Paten, Nils Kuhnert, begleitet einen unserer besenderten Rotmilane, den die Paten Petti getauft haben, sehr intensiv und lässt uns regelmäßig an seinen Gedanken zum Verhalten des jungen Rotmilans teilhaben. Dies wollen wir nun in lockerer Reihenfolge auch weiter teilen und werden immer mal wieder Beiträge von Nils an dieser Stelle veröffentlichen. So hoffen wir, es allen Interessierten möglich zu machen, noch intensiver am Leben unserer Rotmilane teilzuhaben. Viel Spaß.
Nachdem sich der besenderte Pettluiser Vogel von Seth aus, in einer erstaunlichen fast geraden Linie gen Spanien bewegt hatte, machte er erstmalig den Eindruck, dass er – im Zentrum auf die Pyrenäen treffend – in Südfrankreich überwintern würde. Hier legte er dann eine längere Pause nördlich von Lourdes ein und war offenbar in einem Gebiet heimisch geworden, das meiner Verwunderung nach, landschaftlich den schleswig-holsteinischen Lebensbedingungen sehr ähnlich war. Regen und Temperatur ähnelten im Oktober sogar noch sehr den hiesigen Bedingungen.
In diese Beobachtung kam Bewegung als der Vogel im Dezember 2025 dann doch noch in eines der nördlich gelegenen Täler der Pyrenäen zog und es sah ganz danach aus, dass er eine Überquerung der Pyrenäen in der Mitte, und nicht wie weitaus üblicher, in der westlichen oder östlichen Küstenregion versuchen würde. Ich gebe zu, das machte mir etwas Angst, denn das Hochgebirge der Pyrenäen hatte bereits strenge Winterwetterlagen die auch bei optimaler Passage in den nord-süd ausgerichteten Tälern, den Vogel irgendwann zwingen würde den First zu übersteigen, der jedoch überall jenseits der 2500 Meter liegt.
Erstaunlicherweise drehte der Vogel nach einigen Tagen um und bewegte sich dann am Nordrand des Gebirges westwärts. Es erschien mir, als würden meine Bedenken den Vogel leiten, aber er machte dann doch was er wollte und ließ sich nach nur 40 km in einem Gebiet nahe der Gemeinde Buzy nieder. Hier hält er sich heute, seit nunmehr 30 Tagen auf!
Das Winterrastgebiet bei Buzy.
Mehrere Punkte der Bewegungsdaten des Vogels sind aus meiner Sicht besonders interessant:
Der Pettluiser Vogel bewegt sich in diesem neuen Lebensraum auf einer Fläche, die im Radius tatsächlich nur etwa 1000 m umfasst! Wie kann das sein? Er muss hier ganz offenbar gut Beute machen können oder wird vielleicht auch gefüttert. Leider ist das Gebiet nicht mit Google streetview einsehbar, weil es zu abgelegen von einer Straße liegt. Ich würde zu gerne sehen was dort los ist und ob dort vielleicht noch andere Rotmilane überwintern. Dies ist anzunehmen, zumal dort die Temperaturen im Dezember und Januar tagsüber zwischen 5 und 15 Grad gelegen haben. Dieser kleine Bewegungsradius muss jedoch auch noch andere Grunde haben.
Meine ursprüngliche Vermutung, dass Rotmilane die Pyrenäen nur an den Küstenregionen überqueren, hat sich durch meine Recherchen inzwischen überhaupt nicht bestätigt. Dort sind zwar sehr wohl im Frühjahr und Herbst große Rotmilan-Flugbewegungen, aber auch mitten durch das Gebirge ziehen Rotmilane, offenbar sogar an allen Stellen wo Überquerungen in Talspalten möglich sind. Eine Karte von besenderten Rotmilanen der Schweizer Vogelwarte belegt dies eindrücklich.
Von den 44 Jungvögeln zogen 27 im September ins Überwinterungsgebiet. Die Karte zeigt die Bewegungen vom Ausfliegen bis zu den Überwinterungsorten. Quelle: www.vogelwarte.ch/de/news/rotmilan-ausfliegen-ansiedlung/
Interessant ist zudem, dass der Pettluiser Vogel in einem Gebiet verbleibt, das möglicherweise besonders von Rotmilanen auch aus dem Harzvorland frequentiert wird. Bei movebank kann ich – leider nur sehr eingeschränkt – auch besenderte Rotmilane aus Lettland und eben auch aus Halberstadt einsehen.
Die Routen einiger vom Team des Heineanum in Halberstadt besenderter Rotmilane bei Movebank.org
Erstaunlich: die Halberstädter Vögel machen im Grunde genommen genau die gleiche Flugroute, die auch Petti machte. Sie zogen auf Lourdes zu, bewegten sich am Nordrand der Pyrenäen westwärts und überflogen die Pyrenäen dann in südliche Richtung, vermutlich bei der ersten Gelegenheit, ohne sich bis in die Küstenregion der Biskaya-Bucht durchzuschlagen. Dieser Knick in der Überquerungslinie ist vermutlich geografischen Bedingungen geschuldet.
Ein letzter Gedanke: Ich bin fasziniert von dem graphischen Muster, das die Rotmilane in ihren Flugbewegungen zeigen. Meine Wahrnehmung ist, dass die Flugbewegungen, die die besenderten Rotmilane (auch andere Rotmilane bei movebank) hinterlassen artspezifisch einzigartig sind. Ich erkenne hier Besonderheiten bei den Rotmilanen: z. B.
a) immer wiedergehrende "Hin-und-Her Flüge" die auf einer fast gleichen Linie stattfindenb) in größeren Abständen stattfindende vereinzelte "Umgebungsflüge" in denen der Vogel in sehr ähnlichen Winkeln zurück zu seinem gegenwärtigen Lebensraum fliegt.
c) ein typisches Flugbild, dass der Vogel auf dem Zug gezeigt hat und m.E. immer dann stattfand, wenn er seine Richtung geändert hat, als hätte er sich kalibriert. Ich nenne es das "Kalibrierungsmuster"
Nun, dass sind laienhafte Beobachtungen, aber mir kam der Gedanke, da die Flugtypologie der Rotmilane so frappierende Ähnlichkeiten aufweist, dass es möglich sein müsste, das wahrscheinliche Flugmuster eines Vogels vorhersagen zu könnten, wenn man eine KI mit den Flugmusterdaten von verschiedenen Vögeln "füttern" würde.
Warum sich dann genau diese Bewegungstypologie, genau in Rotmilanen evolutionär eingeschrieben hat, wäre dann eine interessante wissenschaftlich zu klärende Frage.
