Brutzeit im Projektgebiet
Das Rotmilan-Patenschaftsprojekt wurde 2025 im fünften Jahr vom Rotmilan-Team der OAGSH fortgeführt. Neben dem nun sechsköpfigen Projektteam haben die Patinnen und Paten nach fortlaufenden Schulungen in Theorie und Praxis auch in diesem Jahr die Suche nach den Nestern und die Bruterfolgskontrollen unterstützt und die Reviere regelmäßig kontrolliert. Das Projekt-Team fördert nach Möglichkeit auch über das Projektgebiet hinaus Patinnen und Paten, die in ihrem Umfeld selbstständig Reviere von Rotmilanen betreuen.
Nachdem wir in den letzten Rundschreiben über das gemeinsame Besenderungsprojekt mit der Projektgruppe des FTZ der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel und die Vergiftungen durch Rattengift berichtet hatten (vgl. Projekt Rotmilan SH 2025b), wollen wir jetzt einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung des Brutbestandes im Projektgebiet, den Bruterfolg und die Wiederbesiedlung der durch Vergiftungen verwaisten Reviere wagen und einen Ausblick geben, wie wir uns die weitere Entwicklung des vom Umweltministerium (MEKUN) finanzierten Projektes vorstellen.
Entwicklung des Brutbestandes
Im Jahr 2025 wurden insgesamt 25 aktive Nester von Rotmilanen im Bereich der Projektfläche gefunden und näher untersucht, von denen 17 in der eigentlichen Projektfläche lagen. Dies ist die zweithöchste Anzahl seit Beginn des Projektes (Abbildung 1). In dem fünfjährigen Zeitraum zeigte sich für die Untersuchungsfläche kein signifikanter Trend, sondern jährliche Schwankungen zwischen 11 und 19 Paaren, woraus sich ein durchschnittlicher Wert von 16 Brutpaaren pro Jahr ergibt (Abbildung 1).
(1) Entwicklung des Brutbestandes auf der Projektfläche (300 km2) von 2021 bis 2025 unter Berücksichtigung der Revierpaare.
Anders als bei klassischen Kartierungen, ist in diesem Projekt durch den Einsatz der Patinnen und Paten und die häufige Anwesenheit des Projekt-Teams im Untersuchungsgebiet eine intensivere Untersuchung des Brutbestandes möglich. Die hohe Beobachtungsdichte ermöglicht zusätzlich zu den sicheren Brutnachweisen auch die Erfassung weiterer Revierpaare. Durch eine revierbezogene Betrachtung lassen sich die Nutzung des Projektgebietes und die vermuteten Zusammenhänge zwischen den Nistplätzen noch etwas genauer betrachten. Da Rotmilane nur ausnahmsweise und dann in einem kurzen Zeitfenster individuell angesprochen werden können und die Beobachtungsdichte nicht in allen Teilen des Gebietes über die Jahre gleich war, ist die Anzahl der Reviere wahrscheinlich teilweise noch höher gewesen und Beobachtungen könnten sicherlich an einigen Stellen auch anders interpretiert werden. Die Erkenntnisse basieren jedoch auf nachvollziehbaren Beobachtungen (meist Nestbau) und lassen deswegen eine Betrachtung der Nutzung des Projektgebietes zu, die über die reine Bewertung der Brutpaare hinausgeht (Abbildung 1).
Die Nutzung des Gebietes zeigt sich mit 17 bis 20 besetzten Rotmilanrevieren pro Jahr konstanter als bei der Betrachtung der 11 bis 19 tatsächlichen Brutpaare. In den besetzten Revieren schritt lediglich ein zwischen den Jahren schwankender Anteil der Paare zur Brut. Auch wenn die Rotmilane über die fünf untersuchten Jahre annähernd gleich viele Reviere im Untersuchungsgebiet besetzten, ist die Zahl der erfolgreichen Brutpaare doch erheblich geringer. Es gibt kein Revier, in dem in allen fünf Jahren Junge groß wurden. Auch die Neststandorte wechseln: So wurde dasselbe Nest nur von einem Paar drei Jahre nacheinander genutzt.
Bruterfolg
Im Jahr 2025 waren von 17 Brutpaaren auf der Projektfläche acht Paare erfolgreich. Von insgesamt 22 Jungvögeln, die das beringungsfähige Alter von 3 bis 5 Wochen erreicht hatten, wurden 13 Jungvögel tatsächlich flügge (Abbildung 2). Unter Berücksichtigung der ausgeflogenen Jungvögel zeigt der durchschnittliche Gesamtbruterfolg in 2025 den zweitniedrigsten Wert im Untersuchungszeitraum seit 2021 (Tabelle 1, Abbildung 3).
(2) Anzahl junger Rotmilane (Summe von zwei Altersklassen) im Projektgebiet.
(T1) Überblick über besetzte Reviere, Brutpaare und Bruterfolg im Projektgebiet
(3) Gesamtbruterfolg (Jungvögel pro Brutpaar) unter Berücksichtigung aller Bruten für zwei Altersstadien der Jungvögel (Jungvögel im beringungsfähigen Alter und ausgeflogene Jungvögel). Zur Orientierung zusätzlich der Gesamtbruterfolg, der nach Nachtigall (2008) für den Erhalt einer Population notwendig ist
Der Gesamtbruterfolg (mittlerer Bruterfolg aller Paare einschließlich der erfolglosen Paare) war in allen Jahren mit 0,53 bis 1,07 flüggen Jungen je Brutpaar sehr gering. In einigen Studien wird der Begriff flügge Junge nicht genau definiert, sodass nicht immer erkennbar ist, ob es sich bei den Angaben um die Anzahl der Jungen im beringungsfähigen Alter oder der tatsächlich ausgeflogenen Jungen handelt. Zum Zeitpunkt der Beringung ist der Gesamtbruterfolg zwischen 0,91 und 1,33 Jungen je Brutpaar in den Untersuchungen auf der Probefläche ebenfalls nicht hoch. Für Sachsen wurde der notwendige Gesamtbruterfolg (in dieser Arbeit wurde die Anzahl der beringten mit denen der ausgeflogenen Jungvögel gleichgesetzt), der für den Erhalt einer Population erforderlich ist, in einer umfangreichen Untersuchung mit 1,6 Jungen je begonnener Brut errechnet (Nachtigall 2008). Die Zusammenstellung von Aebischer & Scherler (2021) listet für Deutschland einen Gesamtbruterfolg von 1,63 (n = 14.336; 1987–2016; Quelle: MEROS) bzw. 1,32 (n = 1.464; 2014–2019 nach Nachtigall et al. 2020) Junge je begonnener Brut auf. In zahlreichen Studien aus ganz Europa liegt der Gesamtbruterfolg zwischen 1,0 und 1,7 Jungen pro Brutpaar, wobei aber betont wird, dass der Bruterfolg einen deutlich geringeren Einfluss auf die Bestandsentwicklung hat als die Überlebensrate der Altvögel, aber auch die der Ein- und Zweijährigen (Aebischer und Scherler 2021). Unabhängig davon, ob die Anzahl der beringungsfähigen (Abbildung 4) oder der ausgeflogenen Jungvögel die Berechnungsgrundlage sind, wäre der Gesamtbruterfolg auf der Projektfläche von 0,53 bis 1,07 flüggen Jungvögel bzw. 0,91 bis 1,33 beringungsfähigen Jungvögel je begonnener Brut (Abbildung 3, Tabelle 1) nicht bestandserhaltend.
(4) Beringungsfähiger Jungvogel im Nest Fiefharrie/RD mit eingetragenen Schlachtabfällen. Foto: Thomas Grünkorn
Der geringe Bruterfolg ist weniger durch eine geringe Gelegegröße oder einen schlechten Schlupferfolg begründet, sondern durch eine erhöhte Sterblichkeit in der späten Nestlingsphase im Wesentlichen durch Prädation von Habicht und Uhu, ggf. auch Waschbär und Marder sowie Vergiftungen (siehe auch LfU SH und OAGSH 2025) zurückzuführen. Die Ursachen für das Verschwinden älterer noch nicht selbstständiger Jungvögel (Unterschied zwischen Jungvögeln im Beringungsalter und der Anzahl tatsächlich ausgeflogener Jungvögel) konnten nur teilweise ermittelt werden.
Wiederbesiedlung
Der Vergleich der Reviere mit von Vergiftung betroffenen Altvögeln und der Besetzung der Reviere in der bisherigen Projektlaufzeit zeigt, dass der wesentliche Anteil der Reviere weiterhin durch Rotmilane zur Brut genutzt wird. Bei den zwei nicht wiederbesiedelten Revieren war in dem einen Revier der Schlupfort des gefundenen Jungvogels nicht bekannt, im zweiten ist der unmittelbare Bereich um den Fundort durch Holzeinschlag mittlerweile nicht mehr als Brutplatz geeignet.
Die Tradition der Nutzung geeigneter Reviere durch die Rotmilane bricht also auch bei einem Verlust der Altvögel durch eine Vergiftung meistens nicht ab. Besteht die Eignung der Reviere fort, werden diese wieder von anderen Rotmilanen besetzt. Rotmilane werden deshalb auch als Traditionsbrüter bezeichnet.
Vergiftungen
Nachdem in den Jahren 2023 und 2024 keine weiteren Vergiftungsfälle nachgewiesen worden waren, was im besten Fall auf die Abschreckung durch Anwesenheit der Patinnen und Paten im Revier zurückzuführen ist, kam es im Jahr 2025 im Projektgebiet zu drei, in einem Fall auch toxikologisch nachgewiesenen, Vergiftungsfällen. Zwei Jungvögel aus dem Revier Kalübbe starben – einer wahrscheinlich und einer nachweislich an Brodifacoum bzw. Difenacoum, beides Wirkstoffe aus Rattengiften der zweiten Generation. Beide Wirkstoffe wurden in einem Jungvogel – eines im Magen, das andere in der Leber – nachgewiesen. Auch ein Altvogel aus dem Revier Blunk wurde vermutlich vergiftet. Dazu kamen zwei nachgewiesene Vergiftungen von Jungvögeln ebenfalls durch Brodifacoum außerhalb des Projektgebietes bei Falkenhusen im Lübecker Stadtwald.
Der gehäufte Nachweis von (legalen) Rattengiften als Todesursache bei Rotmilanen veranlasste das Team zwei gemeinsame Pressemitteilungen mit dem LfU sowie dem LfU und der Stadt Lübeck zu verfassen, um auf diese vermeidbare Todesursache hinzuweisen (Projekt Rotmilan SH 2025b).
Besenderungen
Wie im letzten Rundschreiben ausführlicher berichtet, erhielten Rotmilane erstmals in Schleswig-Holstein in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. S. Garthe (FTZ, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) einen GPS/GSM-Sender mit einer Solarpaneele für eine langfristige Energieversorgung (Abbildung 5). Das Projekt-Team unterstützte das Team des FTZ ehrenamtlich bei diesem Pilotprojekt und hofft auf eine längerfristige Finanzierung dieses geplanten Moduls. Im Herbst konnten durch die auffälligen Häufungen von Lokalisationen einige Nahrungsgebiete der Rotmilane entdeckt werden. Außerdem waren die konkreten Plätze der Nahrungsaufnahme (z. B. Grünland, Erbsenacker, bestückter Luderplatz) und auch Schlafplätze lokalisierbar und auch der Abzug in die Winterquartiere wurde dokumentiert (Projekt Rotmilan SH 2025a und 2025b).
(5) Besenderung eines Jungvogels. Foto: Isabell Eckle.
Ausblick
Im bisherigen Projekt wurden Maßnahmen etabliert, welche den Faktor Vergiftung und in diesem Zusammenhang auch die Faktoren des Brutplatzschutzes im Fokus hatten. Eine Projektskizze mit weiteren künftigen Projektbausteinen wurde dem MEKUN/LfU vorgelegt:
Räumliche Erweiterung des Projektgebietes
Besenderung von Rotmilanen (Jung- und Altvögel)
Erstellung und Verteilung eines Flyers zu Möglichkeiten der Abgabe von Altbeständen von Giften zur Entsorgung
Überwachung des Brutplatzumfeldes mit Wildkameras (automatische Einzelbildaufzeichnung und akustischer Aufzeichnung)
Entwicklung eines stabilen Videokamerasystems am Nest
Erweiterung der Website zur Darstellung von Livestreams von Nestkameras und Zugrouten der Sendervögel
Pilotphase zur Erfassung von Schlaf- und Sammelplätzen überwinternder Rotmilane
Zusammenfassung
Ziel des Projektes ist die jährliche Ermittlung des Rotmilanbestands auf einer rund 300 km² großen Probefläche östlich von Neumünster, auf der vor und zu Projektbeginn gehäuft Vergiftungen von Rotmilanen festgestellt worden waren. Diese Aufgabe wurde, wie auch in den Jahren zuvor, unter Einbeziehung von Nestpatinnen und -paten durchgeführt.
In dem bisher fünfjährigen Untersuchungszeitraum traten Schwankungen des Brutbestandes auf. Diese sind kleiner, wenn Revierpaare ohne eine nachgewiesene Brut hinzugezählt werden. Insgesamt sollten die jährlichen Unterschiede aufgrund der Stichprobengröße (= Flächengröße) nicht überinterpretiert werden – eine gerichtete Bestandsveränderung wurde nicht festgestellt. Auffällig war aber das Jahr 2023 mit einem besonders geringen Brutbestand. Die Besiedlung des 300 km² großen Projektgebietes ist weiterhin ungleichmäßig mit einem deutlichen Schwerpunkt in der nördlichen Hälfte. Der Gesamtbruterfolg schwankt über die Projektlaufzeit zwischen 0,53 und 1,07 flüggen bzw. 0,91 und 1,33 beringungsreifen Jungen je Brutpaar auf niedrigem Niveau. Damit wurde bisher in keinem Jahr der bestandserhaltende Schwellenwert von 1,6 Jungvögeln je begonnener Brut (Nachtigall 2008) erreicht. Der geringe Bruterfolg resultierte im Wesentlichen aus Verlusten in der Nestlings- und Ästlingsphase. Einige Verluste können mit Vergiftungen oder Prädation (Habicht und Uhu, ggf. auch Waschbär und Marder) erklärt werden, in vielen Fällen war der Nachweis aber nicht sicher oder gar nicht zu erbringen.
Wir danken den zahlreichen Unterstützerinnen und Unterstützern des Projektes, dem MEKUN für die Finanzierung und besonders den Patinnen und Paten für ihren großen Einsatz!
Literatur
Aebischer, A. & P. Scherler (12021): Der Rotmilan. Haupt, Bern.
LfU SH & OAGSH (2025): Rattengift bei toten Rotmilanen nachgewiesen – Umsichtiger Einsatz und Entwicklung von alternativen Methoden der Rattenbekämpfung wichtig. Medieninformation. Ornithologische Arbeitsgemeinschaft, Landesamt für Umwelt. Flintbek.
Mammen, U. & L. Minkov (2021): Jahresbericht 2011 und 2012 zum Monitoring Greifvögel und Eulen Europas. Jahresbericht zum Monitoring Greifvögel und Eulen Europas 24/25: 1–80.
Nachtigall, W. (2008): Der Rotmilan (Milvus milvus, L. 1758) in Sachsen und Südbrandenburg – Untersuchungen zu Verbreitung und Ökologie. Martin-Luther-Universität. Halle-Wittenberg.
Nachtigall, W., U. Lerch & J.-U. Schmidt (2020): Brutbestand, Reproduktion und Nestbaumschutz beim Rotmilan (Milvus milvus). In: (2020): Schutz der Verantwortungsart Rotmilan – Ergebnisse des Verbundprojekts Rotmilan – Land zum Leben: 34–59.
Projekt Rotmilan SH (2025a): Den Rotmilanen auf der Spur. Rundschreiben der OAGSH 2025 (6): 29–32.
Projekt Rotmilan SH (2025b): Blog 2025 – Projekt Rotmilan SH.
Das ganze Rundschreiben der OAGSH mit diesem ud vielen weiteren Artikeln z.B. auch zum Mäusebussard findet sich hier.
