Rotmilan-Sammelsaison 2025/26 in Schleswig-Holstein
von Isabell Eckle und Manuela Heiden
Im zurückliegenden Herbst und Winter wurden die drei bisher in Schleswig-Holstein bekannten Sammelgebiete in den Kreisen SE, RD und PLÖ (vgl. OAGSH Rundschreiben 2025-2, S. 29) wieder von Rotmilangruppen genutzt.
Nach Auswertung der Ornitho-Meldungen wurden in Gebieten, in denen Rotmilan-Sichtungen auf ein mögliches Sammelgeschehen hinwiesen, bisher unbekannte Schlafplätze gesucht. Am 16.12.2025 wurden im Landkreis Nordwestmecklenburg (ca. 1,3 km außerhalb Schleswig-Holsteins) 17 Rotmilane beim Schlafplatzeinflug beobachtet und am 30.12.2025 konnten mindestens 17 Rotmilane an einem Schlafplatz im südlichen Kreis SE gesichtet werden (vgl. Abb. 1). Die Sammelgebiete, die diese beiden neu entdeckten Schlafplätze umgeben, wurden bisher nicht systematisch erfasst. Schlafplatzsuchen im südlichen Kreis PLÖ, sowie im südlichen Kreis RD-ECK erbrachten kein neues Sammelgeschehen.
Abbildung 1: Rotmilane kurz nach Sonnenuntergang vor ihrem Schlafplatz-Einflug in einen kleinen Fichtenbestand in SE Süd. Foto: Isabell Eckle, 30.12.2025.
Ansteigende Sichtungszahlen
In der Sammelsaison 2025/26 wurden erneut mehr Rotmilane in den Sammelgebieten im Land festgestellt: Im Gebiet RD wurden am 10. Dezember mindestens 47 Rotmilane gesichtet (in der Vorsaison >31), im Sammelgebiet PLÖ (vgl. Abb. 2) konnten am 07. Januar mindestens 54 Rotmilane dokumentiert werden (im Vorwinter >18) und im Gebiet SE wurden am 30. Dezember ca. 50 Rotmilane beobachtet (im vorherigen Winter >29).
Abbildung 2: Gruppe von Rotmilanen über ihrem Schlafwald im Sammelgebiet PLÖ, in dem sich die Anzahl der gesichteten Rotmilane deutlich erhöht hat. Foto: Isabell Eckle, 21.1.2026.
Begrifflichkeiten
Um die Verständigung über Sammelgebietsthemen zu erleichtern folgen einige Begriffsbeschreibungen.
Rotmilan-Sammelgebiet: Großflächiges, sich täglich veränderndes Gebiet zwischen mehreren Sammel-, Vorsammel- und Schlafplätzen, sowie dem umgebenden Tagesaktionsradius (viele Rotmilane ernähren sich im Umkreis von wenigen Kilometern rund um die Schlafplätze, manche können sich aber auch bis zu 20 km vom Übernachtungsort entfernen). Ein Sammelgebiet kann folglich nur einige, aber auch einige Dutzend km² groß sein. Es gibt sommerliche, herbstliche und winterliche Sammelgebiete, die meist Jahr für Jahr wieder genutzt werden.
Sammelplatz: Solitärbäume, Baumgruppen, Feldgehölze oder Waldareale irgendwo im großräumigen Sammelgebiet, in denen sich Rotmilangruppen sammeln (vgl. Abb. 3). Sie können kilometerweit von den Schlafplätzen entfernt liegen und bieten meist eine gute Geländeübersicht sowie Nahrungsverfügbarkeit, weshalb sie sich auch stets an in Sammelgebieten befindlichen Luderplätzen etablieren (vgl. Abb. 4).
Abbildung 3: Nachmittags genutzte Sammelplatz im Gebiet RD, der mit gutem „rundum-Blick“ zum Sonnen einlud. Übrigens wurden trotz bester Sicht nur 19 der später 21 abfliegenden Rotmilane gesehen. Foto: Isabell Eckle, 16.12.2025
Abbildung 4: Bäume in Luderplatznähe (siehe rechts) werden als Sammelbäume genutzt, von denen aus Rotmilane ihre Nahrungsaufnahmeflüge starten und die sie danach oft wieder mit der Beute anfliegen (im Gegensatz zu anderen Arten, wie den Mäusebussarden und Rabenkrähen auf dem Foto, die am Boden fressen). Foto: Isabell Eckle, 18.2.2026
Vorsammelplatz: Sammelplatz, der vor dem Schlafplatzeinflug genutzt wird und sich im Gegensatz zu den Sammelplätzen in Schlafplatznähe befindet (in Schleswig-Holstein bisher in max. 1.600 m Entfernung). Der Vorsammelplatz kann auch mit dem später genutzten Schlafplatz identisch sein und wird meist 1 bis 2 Stunden vor Sonnenuntergang aufgesucht (vgl. Abb. 5). Bei guten Wetterbedingungen = guten Nahrungsaufnahmebedingungen halten sich die Vögel häufig schon früher in Solitärbäumen auf. Bei Niederschlag und/oder starkem Wind ruhen sie meist auf der windabgewandten Seite von Feldgehölzen oder Wäldern im tieferen Geäst.
Abbildung 5: Bei wenig Wind kreisen Rotmilane vor dem Schlafplatzeinfall seltener und können auch bei zunehmender Dämmerung an ihren Vorsammelplätzen verbleiben, von denen aus sie dann relativ direkt einzeln oder zu zweit nach und nach in ihre Schlafbäume einfliegen. Foto: Isabell Eckle, 19.1.2026
Schlafplatz: Zum gemeinsamen Nächtigen genutzte Baumgruppen, Feldgehölze oder Waldareale, die meist 15 bis 45 Minuten nach Sonnenuntergang bezogen werden (vgl. Abb. 6). Die Rotmilane eines Sammelgebietes können alle gemeinsam einen Schlafplatz nutzen oder sich aufteilen und an unterschiedlichen Schlafplätzen nächtigen (in SH bisher in bis zu 2,9 km Entfernung zueinander an bis zu fünf verschiedenen Schlafplätzen). Ein Schlafplatz kann den ganzen Herbst und Winter über allabendlich genutzt werden oder nur gelegentlich oder einige Tage/Wochen verwaisen oder ganz aufgegeben werden. An einem Schlafplatz kann regelmäßig eine ähnliche Rotmilan-Anzahl nächtigen oder die Anzahl der Individuen wechselt von Abend zu Abend.
Abbildung 6: Schlafplatzeinflug bei zunehmender Dämmerung im Sammelgebiet RD. Foto: Isabell Eckle, 16.12.2025.
Zusammengefasst können Rotmilane also die bekannten Sammel-, Vorsammel- und Schlafplätze nur gelegentlich oder regelmäßig nutzen, sowie ständig zwischen ihnen wechseln, so dass das Geschehen in einem Sammelgebiet stets sehr veränderlich ist.
Sammel- oder Vorsammelbaum: Durch Sichtungen als von Rotmilangruppen genutzt identifizierter Baum.
Schlafbaum: Zur Einflugzeit von Rotmilangruppen bei zunehmender Dunkelheit und von anderen Bäumen verdeckt schwer durch Sichtungen zu identifizierender Baum; jedoch durch tagsüber-Begehung immer durch Schmelz- und (je nach Bodenvegetation) auch durch Gewöllespuren zu lokalisieren.
Nahrungsverfügbarkeit
Im Sammelgebiet SE wurde nach dem Kälteeinbruch Anfang Januar mit Dauerfrost und geschlossener Schneedecke eine Winterflucht festgestellt (von ca. 50 Rotmilanen am 30. Dezember auf 5 Individuen am 10. Januar). Martin Kolbe (Schlafplatz-Koordinator Sachsen-Anhalts mit bis zu 600 überwinternden Rotmilanen in ca. 25 Sammelgebieten) und Adrian Aebischer (Koordinator der Schweiz mit bis zu 5.000 Überwinternden in über 60 Gebieten) bestätigten diese Beobachtung als übliches Verhalten bei Nahrungsmangel. Im Gegensatz dazu wurden in den Sammelgebieten RD und PLÖ Luderplätze (vgl. Rundschreiben 2024-2, S. 41 und 2025-2, S. 29) weiterhin regelmäßig bestückt. Trotz 10 Tagen mit geschlossener Schneedecke in der ersten Januarhälfte und 3,5 Wochen ab Ende Januar verblieben die Vögel in den beiden Sammelgebieten (vgl. Abb. 7). Neben den jeweils ca. 50 Rotmilanen pro Sammelgebiet RD und PLÖ (bei einem winterlichen Futterbedarf von durchschnittlich ca. 200 g täglich) wurden an den Luderplätzen auch regelmäßig Hunderte von Rabenvögeln, sowie bis zu jeweils 10 Seeadler und Mäusebussarde beobachtet und diverse Raubsäuger-Spuren festgestellt. Um all diesen Wildtieren bei den winterlichen Bedingungen die Nahrungsgrundlage zu sichern, müssen die Luderplätze zentnerweise bestückt worden sein.
Abbildung 7: Bei geschlossener Schneedecke sind Rotmilane auf anthropogene Futterquellen angewiesen oder müssen in schneefreie Gebiete abziehen. Foto: Isabell Eckle, 28.1.2026.
Alexander Bartl fotografierte aus Tarnzelten heraus an einem im Sammelgebiet PLÖ gelegenen Luderplatz und lässt uns dankenswerterweise an seinen eindrucksvollen Fotos (vgl. Abb. 8) teilhaben. Nach der Schneeschmelze Ende Februar wurde an mehreren frisch bestückten Luderplätzen beobachtet, dass die o.g. Vogelarten trotz ihrer Anwesenheit im Gebiet nicht wie in den Wochen zuvor dort ihre Nahrung aufnahmen (bis auf einzelne Rabenkrähen und Elstern). Stattdessen wurden Rotmilangruppen mit bis zu 20 Individuen an Grünlandflächen mit vielen Feldmaus-Gängen und Laufpfaden jagend und Sammelbäume (vgl. Abb. 9) nutzend gesichtet. Bevorzugten die Vögel nach dem wochenlangen „Luderplatz-Buffet“ nun wieder selbständig erbeutete Nahrung?
Abbildung 8: Beeindruckende Momentaufnahme eines Rotmilans beim Luderplatz-Anflug. Wie wohl die Interaktion mit dem Mäusebussard verlaufen ist? Foto: Alexander Bartl, 18.1.2026.
Abbildung 9: Rotmilane, die sich nach der Schneeschmelze an von Feldmäusen besiedeltem Grünland aufhielten. Foto: Isabell Eckle, 26.2.2026.
Internationale Schlafplatzzählung
Am 10. und 11. Januar fand die alljährliche europaweite Rotmilan Schlafplatzzählung statt, an welcher sich der DDA seit 2015/16 und die OAGSH sich nach Entdeckung des ersten Schlafplatzes im Land seit dem Winter 2020/21 beteiligt (vgl. Rundschreiben 2024-2, S. 38 f). Ein großer Dank geht an die ErfasserInnen Ulla & Willi Berger, Isabell Eckle, Manuela Heiden, Tjark Hoppe, Helmut Joachim, Bernd Koop, Nils Kuhnert, René Kuhns, Fabian Olschewski, Inke & Ingbert Rabe, Esther Stenkamp und Anne Stuhr, die trotz eisiger Temperaturen und widriger Straßenverhältnisse teilnahmen und bis zum Einbruch der Dunkelheit nach Rotmilanen Ausschau hielten. Durch ihr Engagement konnten erneut mehr Rotmilane als im Vorjahr dokumentiert werden: Im Gebiet RD mindestens 31 (Vorwinter: > 18), in PLÖ mindestens 51 (Vorwinter: > 14), in SE Obertrave 5 (Vorwinter: > 20), sowie am neu entdeckten Schlafplatz SE Süd 12. Somit gingen die Sichtungen von insgesamt 99 sich in Gruppe zusammengefundenen Rotmilanen in die Schlafplatzzählung ein (Vorwinter: 52). Außerdem ergab die Auswertung der Ornitho-Meldungen 24 (Vorwinter: 27) weitere einzeln oder zu zweit gesichtete Rotmilane (möglicherweise in Brutplatznähe überwinternde Reviervögel), deren Doppelerfassung ausgeschlossen werden konnte. Somit haben sich an diesem Januar-Wochenende mindestens 123 Rotmilane in Schleswig-Holstein aufgehalten (im Januar 2025 waren es mit mindestens 79 Individuen deutlich weniger) und gehen in die Überwinterungs-Statistik ein.
Neuigkeiten aus den Sammelgebieten
Auch in der zurückliegenden Sammelsaison war das Geschehen in den Sammelgebieten wieder täglich veränderlich und dynamisch (vgl. Rundschreiben 2024-2, S. 42 ff und Rundschreiben 2025-2, S. 30). Im Sammelgebiet PLÖ bezogen die Rotmilane zwei neue Schlafwälder mit mehreren Schlafplätzen und konnten zwei neue Luderplätze nutzen (vgl. Abb. 10). Der bisherige meist genutzte Schlafplatz wurde ab Anfang Dezember kaum noch frequentiert. Möglicherweise fühlten sich die Rotmilane nach der Entstehung eines Kolkraben-Schlafplatzes am selben Ort mit bis zu 200 Individuen zusehends gestört. Stattdessen nächtigten die meisten Rotmilane einige Wochen lang (trotz Anwesenheit eines balzenden Uhu-Paares in unmittelbarer Nähe) in einem ca. 1,5 km südwestlich gelegenen Mischwald und verbrachten die Nächte dort in Buchen. Regelmäßiges Nächtigen in Laubbäumen bei bis zu -10 Grad wurde erstmals in SH beobachtet. Bei zunehmend eisigem Ostwind verlagerten die Milane den von den meisten Individuen genutzten Schlafplatz nochmals. Sie wählten die Westseite eines in einem Mischwald ca. 700 m östlich gelegenen Fichtenbestandes als windgeschützteren Schlafplatz (trotz der Brutreviere ihrer Fressfeinde Uhu und Habicht im selben Wald).
Abbildung 10: Im Sammelgebiet PLÖ wurden vier Luderplätze regelmäßig bestückt, was den Rotmilanen die Überwinterung im Gebiet ermöglicht hat. Foto: Isabell Eckle, 21.1.2026.
Auch im Sammelgebiet RD etablierten sich neue Schlafplätze. Nachdem sich das Sammelgeschehen im Winter 2024/25 nach Westen verlagert hatte, fand im zurückliegenden Winter eine Verschiebung mit drei neuen Schlafplätzen in östliche Richtung statt. Ferner fielen in dieser Sammelsaison in allen drei Sammelgebieten schnell an Höhe gewinnende und in der Wolkendecke nicht mehr auszumachende Rotmilangruppen auf (auch beim gemeinsamen Kreisen vor dem Einfall in die Schlafplätze), was nicht durch besondere Wetterverhältnisse begründet schien. Außerdem wurden erstmals ca. einminütige rasante Gruppenflüge beobachtet, die wie „Verfolgungs-Synchron-Balz-Schmarotzer-Flüge“ wirkten (vgl. Abb. 11 und 12).
Abbildungen 11/12: Rotmilane starteten von Sammelbäumen aus zu eindrucksvollen Gruppenflügen und flogen auf engem Raum akrobatisch rasante Haken schlagend und Seitwärtsrollen vollführend mal nebeneinander ... und mal nacheinander. Die Bedeutung dieser von Rufen begleiteten Flugspiele lässt Raum für Interpretationen. Fotos: Isabell Eckle, 27.01.2026.
Veränderungen wurden ebenfalls bei den Entfernungen zwischen den Schlafplätzen eines Sammelgebietes festgestellt, die in SH bisher mit maximal 2 km Entfernung zueinander dokumentiert waren. Im zurückliegenden Winter nächtigten Rotmilangruppen im Sammelgebiet RD in bis zu 2,9 km Schlafplatz-Entfernung zueinander, nachdem sie vor dem Einfall in ihre Schlafbäume noch gemeinsam gekreist waren und dann in unterschiedliche Richtungen verstrichen. Auch die Entfernung zwischen Vorsammelplatz und anschließend genutztem Schlafplatz, die in SH bisher mit bis zu 1 km festgestellt wurde, hat sich auf 1,6 km erhöht.
Jungvögel in den Sammelgebieten
Abbildung 13 zeigt die Interaktion zwischen einem adulten und einem ca. 9 Monate alten juvenilen Rotmilan an einem Luderplatz. Jungvögel haben insgesamt ein verwascheneres, bleicheres Gefieder und besonders das Brust- und Bauchgefieder ist weniger farbintensiv und kontrastreich und noch nicht gestrichelt wirkend. Die Stoßfedern von Jungvögeln weisen eine durchgängige Subterminalbinde auf, der Kopf ist noch nicht grau gestrichelt, sondern eher beige-bräunlich und die Iris ist hellgraubraun und noch nicht gelblich. Üblicherweise nehmen Rotmilane (im Gegensatz zu anderen Greifvögeln) ihre Nahrung während des Fluges mit den Greiffüßen vom Boden auf ohne zu landen und fressen dann während des Fluges oder nach dem Aufbaumen.
Abbildung 13: Eindrucksvolles Zusammentreffen am Luderplatz: Adulter Rotmilan (links) in Drohhaltung mit fixierendem Blick, ausgestreckten Beinen und nachdrücklich rufend. Foto: Alexander Bartl, 15.2.2026.
Wie schon in den Vorwintern wurden auch in der zurückliegenden Sammelsaison wieder auffallend viele Jungvögel in den Sammelgebieten RD und PLÖ gesichtet (vgl. Rundschreiben 2024-2, S. 50). Vermutlich handelt es sich dabei auch um skandinavische Vögel auf ihrem ersten Zug. Aebischer und Scherler (2021) geben an, dass Schweden europaweit die stärksten Zuwachsraten an Rotmilan-Brutpaaren (BP) aufweist (1950: mehr als 5.000 BP, 1970: 50 BP, 1995: 650, 2020: 4.000–5.000 BP). Auch in Dänemark wächst der Bestand stark an (1800: 2.000–2.500 BP, 1900: quasi ausgestorben, 2000: 18 BP, 2020: 250–300 BP). Ausgehend von der Beständen im 19. Jahrhundert wird der zukünftige Zuwachs in Schweden möglicherweise nicht mehr besonders stark sein, in Dänemark jedoch durchaus, was weiter ansteigende Überwinterungszahlen in Schleswig-Holstein zur Folge haben könnte. Recherchen ergaben, dass Rotmilane in Skandinavien vermutlich nur im Rahmen des europaweit tätigen LIFE EUROKITE Projekts besendert wurden. Das für die Umsetzung des Projekts beauftragte Technische Büro für Biologie Raab stellte uns dankenswerterweise die Flugrouten-Daten der Rotmilane zur Verfügung, die Schleswig-Holstein bisher beflogen haben. Von 2022 bis 2025 wurden in Schweden 24 Nestlinge und vier adulte Rotmilane besendert und in Dänemark 19 Nestlinge. Acht schwedische Jungvögel und ein dänischer sind gestorben, bevor sie erstmals ziehen konnten.
Es wurde bisher nicht ausgewertet, wie viele der 34 juvenilen skandinavischen Rotmilane wann, wie lange und wo Schleswig-Holstein beflogen haben. Fest steht jedoch, dass 65 der LIFE EUROKITE-Flugrouten innerhalb von bzw. durch Schleswig-Holstein verliefen und dem ersten Anschein nach die uns bekannten Sammelgebiete auch beflogen wurden. Eine detaillierte Analyse der Flugrouten ist im Rahmen einer Geographie-Bachelorarbeit eines OAGSH-Mitglieds für 2027 in Planung.
Neben der Fragestellung nach der Überwinterung skandinavischer Jungvögel in Schleswig-Holstein wird diese genaue Daten-Auswertung möglicherweise auch Hinweise auf bisher unentdeckte Sammelgebiete in Schleswig-Holstein geben können.
Akustische Stichprobe
Rotmilane rufen außerhalb der Brutzeit besonders häufig in Gruppenbezügen, d.h. während ihrer Gruppenflüge und wenn sie sich gemeinsam an Sammel- und Vorsammelplätzen aufhalten. An Luderplätzen wurde ihre „Ruffreudigkeit“ regelmäßig festgestellt; sowohl beim dortigen „Gruppensitzen mit Blick auf’s Geschehen“, als auch während ihrer kurzen Flüge zum Luder. Wird die dort aufgenommene Nahrung nicht direkt im Flug gefressen, sondern erst nach Rückkehr zum Sammelbaum, wird die Aktion oft von Rufen begleitet. Flugmanöver in Luderplatznähe und mehr oder weniger nachdrücklich wirkende Schmarotzer-Versuche (vgl. Abb. 14) werden ebenfalls häufig von Rufen begleitet.
Abbildung 14: Nimmt ein Rotmilan von Artgenossen beobachtet Futter auf, wird er häufig in ausgestreckter Körperhaltung mit ausgebreiteten Flügeln und vorgestreckten Beinen bedrängt. Vermutlich weil am Luderplatz genügend Nahrung zur Verfügung steht, wirken diese meist von Rufen begleiteten Schmarotzer-Versuche oft wenig energisch nur wie gewohnheitsmäßige Automatismen. Foto: Isabell Eckle, 18.2.2026.
Mit einem akustischen Aufnahmegerät (Wildlife Acoustics, Song Meter Micro 2) wurde ein Schlafwald mit drei Schlafplätzen im Sammelgebiet PLÖ ab Mitte Januar bei -4 bis +11 Grad bei mäßigem Wind ohne Schneedecke acht Tage lang durchgängig abgehört. Neben den Rufen beim Einfall in die Schlafbäume, die bei Schlafplatz-Beobachtungen zuvor schon regelmäßig gehört wurden, ergab die Auswertung auch morgendliche Rufe, die zwischen 38 Minuten vor bis 52 Minuten nach Sonnenaufgang zu vernehmen waren. (In zwei Nächten war außerdem ein balzendes Uhupaar im Schlafwald der Rotmilane zu hören.)
Beobachtung mit Wärmebildkamera
Um der Frage nachzugehen, ob Rotmilane tatsächlich die ganze Nacht am Einflugort ihres (vermutlichen) Schlafplatzes verbringen oder sich auch des nachts fortbewegen, wurde die Beobachtung mittels Wärmebildkamera (Hik Micro FQ 50 2.0) erprobt. Ferner bestand die Hoffnung, erkennen zu können, ob sich (wie in der Literatur beschrieben) tatsächlich alle anwesenden Rotmilane an häufig zu beobachtenden Gruppenflügen vor dem Einfall in die Schlafbäume beteiligen oder ob auch welche in den Bäumen verbleiben, so dass der „Schlafplatz-Bestand“ regelmäßig unterschätzt werden würde. Auf Grund zu großer Entfernungen und sichtverdeckender Bäume erwiesen sich die Beobachtungen mit Wärmebildkamera bezüglich dieser Fragestellungen als nicht hilfreich.
„Doppel-Nutzungs-Bäume“
Eine Nachfrage an langjährig erfahrene Rotmilan-SammelgebietsexpertInnen, ob andernorts ebenfalls Bäume lokalisiert wurden, die im Herbst und Winter als Schlaf- oder Sammelbaum und zur Brutsaison als Brutbaum genutzt wurden (vgl. Rundschreiben 2025-2, S. 33 ff.), ergab keine ebensolchen Beobachtungen. Aebischer antwortete bezugnehmend auf die Situation in der Schweiz wie folgt: „Da es in manchen Regionen viele Schlafplätze gibt, diese oft über viele Bäume verteilt sind und da es in manchen Regionen sehr viele Rotmilan-Paare gibt, kommt es natürlich vor, dass manche Paare an Orten brüten, in deren Umgebung ein Winterschlafplatz bestand.“ Scherler, Aebischer et al. (2023) ermittelten in ihrem ca. 390 km² großen Untersuchungsgebiet in der Westschweiz mit bis zu 43 BP/100 km² eine der weltweit höchsten Brutplatzdichten (bei durchschnittlichen Brutplatzdichten von 32 BP/100 km²). Die beiden in SH von den „Doppel-Nutzungs-Bäumen“ betroffenen Kreise RD und SE wiesen laut Mitschke und Koop (2023) eine Brutplatzdichte von 2,3 bzw. 3,3 BP/100 km² auf. Es ist folglich nicht davon auszugehen, dass die „Doppel-Nutzung“ der Bäume in einer hohen Brutplatz- und Schlafplatzdichte begründet ist. Vielmehr könnten die Rotmilane die während der Sammelsaison genutzten Bäume als geeignete Brutbäume wahrgenommen haben, zumal den Vögeln auch während der Brutsaison durch die in der Nähe befindlichen ganzjährig bestückten Luderplätze eine leicht zugängliche und bei Bedarf sichere Nahrungsquelle zur Verfügung stand.
Ferner könnten die erst seit einigen Jahren in SH überwinternden Rotmilane, die dabei überwiegend Fichten zum Nächtigen nutzten, die Vorzüge von Nadelbäumen erfahren haben und diese deshalb vermehrt als Brutbäume ausgewählt haben. Mitschke und Koop (2023) geben den Fichten-Anteil an Rotmilan-Brutbäumen in Schleswig-Holstein mit lediglich 4,5 % an. Neben den beiden im Rundschreiben 2025-2 dargestellten Bruten in „Doppel-Nutzungs-Fichten“ wurden in den letzten Jahren auch andernorts im Land zunehmend Fichten als Brutbäume festgestellt. Möglicherweise sind Bruten in Nadelbäumen ein Indiz dafür, dass dort brütende Rotmilane in Schleswig-Holstein überwintert haben.
Gewöllefunde
Aebischer und Scherler (2021) schreiben: „Greifvögel, so auch der Rotmilan, verschlingen sehr häufig Teile von Beutetieren, die sie nicht vollständig verdauen können. Obwohl die Verdauungssäfte sehr sauer sind (ph-Werte zwischen 1,3 und 1,8) werden Knochen, Haare, Zähne, Krallen, Chitinteile von Insekten und Federn im Magen nicht oder nur zum Teil aufgelöst. Diese unverdauten Teile gelangen ein paar Stunden nach der Mahlzeit vom Magen zurück in die Speiseröhre und werden in Form von Gewöllen wieder ausgewürgt.“ Da die überwinternden Rotmilangruppen in Schleswig-Holstein bisher fast ausschließlich in Fichten mit schwer einsehbarem Brombeer-Unterwuchs nächtigten, wurden neben den reichlichen Schmelzspuren nur vereinzelt Gewölle unter den Schlafbäumen gefunden.
In dem Anfang Dezember neu entdeckten Schlafwald des Sammelgebietes PLÖ, in dem Rotmilangruppen an drei Schlafplätzen in Buchen nächtigten, konnten Gewölle mangels Bodenvegetation problemlos gefunden werden. Die Rotmilan-Gewölle (vgl. Abb. 15) wurden dankenswerter Weise von Oliver Krone und seinen Greifvogel-StudentInnen vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung untersucht. Sie waren nicht mit Bleifragmenten oder anderen Munitionsresten belastet (im Gegensatz zu 2018 bei Plön gefundenen ca. 100 Seeadler-Gewöllen, von denen mehr als 50 % Bleifragmente aufwiesen). Unter regelmäßig genutzten Sammelbäumen in Luderplatznähe (vgl. Abb. 16) gefundene Gewölle waren nicht sicher als solche von Rotmilanen bestimmbar, weil die Bäume auch anderen Arten mit ähnlich aussehenden Gewöllen als Sitzwarte dienten.
Abbildung 15: Nach der ersten Schneeschmelze des Winters in einem Rotmilan-Laubbaum-Schlafwald gefundene Gewölle (nebst frisch gemauserter Uhufeder). Foto: Isabell Eckle, 24.1.2026.
Abbildung 16: Ein Mäusebussard hat den Abflug eines Rotmilans im Blick, der (wie häufig zu beobachten) auch einen Artgenossen zum Abflug motivierte. Unter diesem Luderplatz-Sammelbaum wurden fünf nicht-artbestimmbare Gewölle gefunden. Foto: Isabell Eckle, 18.2.2026
Artenschutzmöglichkeiten
Bei Planungen zum Bau von Windenergieanlagen (WEA) finden Rotmilan-Brutplätze bundesweit Berücksichtigung. Bei den bisherigen Regionalplanungen in SH, die mittlerweile 3,4 % der Landesfläche betreffen, wurden Rotmilan-Sammelgebiete nicht berücksichtigt (anders als z. B. in Sachsen-Anhalt, wo viele Sammelgebiete den Landesbehörden z. T. seit Jahrzehnten bekannt waren und entsprechend in die Flächenkulisse integriert wurden). Somit gilt in Schleswig-Holstein der Schutzstatus der Rotmilane, die vom Land und vom Bund als windkraftsensible Art eingestuft wurden, nur innerhalb dem Land bekannter Brutreviere während der Brutzeit (gemäß LLUR [2016] vom 1.3. bis 31.8.). Nach den Änderungen im BNatSchG, die deutliche Einschränkungen des Schutzes von Rotmilan-Brutpaaren zur Folge hatten, kann die Erfassung der Rotmilane außerhalb der vom Land festgelegten Brutzeit, also vom 1.9. bis 28.2., als nicht minder wichtig als die Brutbestandserfassung angesehen werden. Kenntnisse nicht nur über die Brutzeit, sondern auch über die Jahreszyklen und Überwinterungsstrategien der Rotmilane sind notwendige Voraussetzungen für wirksamen Vogelschutz. Nur eine ganzjährige, möglichst flächendeckende und regelmäßige Erfassung kann Grundlage für die Entwicklung artgerechter Rotmilan-Schutzmaßnahmen sein. Die Hoffnung, dass es vielleicht irgendwo in Deutschland gelungen sein könnte, auch nach den Beschleunigungsbestrebungen des Bundes die Genehmigungsfähigkeit einer WEA-Vorrangfläche durch Dokumentation eines Rotmilan-Sammelgebietes zu widerlegen, hat sich nicht erfüllt. Die Frage nach Erfahrungswerten an Art-ExpertInnen der Länder ergab keine solchen Schutzmaßnahmen von Rotmilan-Sammelgebieten.
Tracking-Studien
In Schleswig-Holstein können wir im Vergleich zu anderen Bundes- und europäischen Ländern nur auf sehr eingeschränkte Erfahrungswerte über das Leben der Rotmilane außerhalb der Brutzeit zurückgreifen und verfügen ferner nur über sehr begrenzte Mittel, so dass wir auf Informationen von Sammelgebiets-ExpertInnen angewiesen sind. Untersuchungen dieser ExpertInnen sind uns nur aus Gebieten mit einer hohen Brutplatzdichte und vielen Sammelgebieten bekannt. Ihre Ergebnisse basieren zunehmend auf den Datensätzen von besenderten Rotmilanen und sind möglicherweise nicht ausnahmslos auf Schleswig-Holstein mit seiner sehr niedrigen Brutplatz- und Sammelgebietsdichte übertragbar, zumal Schleswig-Holstein aufgrund seiner geografischen Lage zwischen Nord- und Ostsee eine Art „Trichter“ für die ziehenden skandinavischen Rotmilane darstellt, die nach Aebischer und Scherler (2021) ca. 15 % des Weltbestandes ausmachen. Im Folgenden werden dennoch zwei Tracking-Studien ausführlicher dargestellt, weil sie viele Hypothesen und Annahmen beinhalten, die auch die Auseinandersetzung mit Sammelgebiets-Fragestellungen in Schleswig-Holstein beeinflussen und weil ihre wissenschaftlichen Ergebnisse unseren Interpretationen von Beobachtungen eine Basis bieten können.
Chan et al. (2024) untersuchten eine in der Westschweiz brütende Rotmilan-Population, die sich seit den 1960er-Jahren von vollständig ziehend zu teilweise ziehend entwickelt hat. Sie besenderten zwischen 2015 und 2020 insgesamt 391 Nestlinge und 76 adulte Rotmilane und stellten fest, dass die Vögel mit zunehmendem Alter die Brutgebiete später verließen und früher dorthin zurückkehrten, was zu einer schrittweisen Verlängerung des Aufenthalts im Brutgebiet um zwei Monate vom ersten bis zum fünften Lebensjahr führte. Ferner wurde nachgewiesen, dass die Zugrouten mit dem Alter direkter, routentreuer und zeitlich kürzer wurden und die Individuen eine hohe Standorttreue zu ihren Überwinterungsgebieten zeigten, sowie dass das Ziel des Zuges im ersten Lebensjahr weitgehend die Ziele und Routen in den Folgejahren bestimmte. 97 % der einjährigen Rotmilane zogen, während viele Individuen später im Leben in ihrem (erweiterten) Brutgebiet überwinterten. Es wurde davon ausgegangen, dass Bedingungen der Nahrungsverfügbarkeit die Zug-Unruhe aktivieren oder hemmen können. Ferner gäbe es Hinweise darauf, dass Jungvögel im ersten Jahr während ihres Zuges persönliche oder soziale Informationen sammeln, sowie sich in späteren Jahren in Sammelgebieten auf die Erfahrung von älteren Individuen verlassen können, um Nahrung zu finden. Dieses Wissen um die Verlässlichkeit sei entscheidend, da es wahrscheinlich die Entscheidung beeinflusse, nicht mehr zu ziehen. Ältere Vögel hingegen würden zunehmend auf ihr zuvor erworbenes Wissen zurückgreifen. Die direkteren Zugrouten (die – anders als bei Langstreckenziehern – bei Rotmilanen entlang geeigneter Lebensräume verlaufen) und die höhere Routentreue der älteren Individuen seien auch auf eine Verbesserung der Fähigkeit zurückzuführen, günstige Umweltbedingungen zu nutzen oder ungünstige zu kompensieren, insbesondere die Windverhältnisse. Die hohe Überwinterungsgebiets-Treue könne auf einen hohen Nutzen der Vertrautheit mit lokalen Ressourcen hindeuten. Der Wechsel zur Sesshaftigkeit könne ebenfalls als räumliche Anpassung interpretiert werden, die die Standortvertrautheit bewahre, da Rotmilane ihr Wissen über das Brutgebiet „wiederverwenden“ könnten.
Catitti et al. (2025) besenderten ebenfalls in der Westschweiz zwischen 2016 und 2021 insgesamt 216 Rotmilane (68 adulte und 148 juvenile). Sie bezogen folgende allgemeine Hypothesen in ihre Untersuchungen über Vor- und Nachteile der Teilnahme an einem gemeinschaftlichen Schlafplatz ein: Nähe zu Nahrungsquellen; Standorte mit günstigen mikroklimatischen Bedingungen; verringertes Prädationsrisiko (durch Risikoverdünnung oder erhöhte Wachsamkeit gegenüber Fressfeinden); Austausch von Informationen über flüchtige Nahrungsquellen, der entweder absichtlich erfolgt, wie z. B. bei Kolkraben, die bei der Entdeckung eines neuen Kadavers Flugdemonstrationen durchführen oder unbeabsichtigt, wenn ein Merkmal eines Individuums (z. B. guter Körperzustand) oder ein Verhalten (z. B. Nahrung im Schnabel tragen) ungewollt den Wissensstand des Vogels an seine Artgenossen kommuniziert; Unerfahrene Individuen verfolgen erfahrene Artgenossen mit Wissen über Futterplätze und/oder in lockeren Schwärmen fliegende und sich gegenseitig beobachtende Individuen kommen sofort zusammen, wenn Nahrung entdeckt wird, was besonders den Jungvögeln die Nahrungssuche erleichtert; Erhöhung der Paarungschancen und somit bessere Partnerwahl, sowie Abnahme der Bereitschaft zum gemeinsamen Nächtigen nach Etablierung eines Brutreviers, insbesondere wenn das Nutzen von Gruppen-Schlafplätzen primär durch den Erwerb von Informationen über Territorien und Partnerverfügbarkeit motiviert war.
Auch allgemeine Hypothesen über die potenziellen Nachteile der Beteiligung an Gemeinschaftsschlafplätzen wurden einbezogen: erhöhte Übertragung von Krankheitserregern; Nahrungskonkurrenz; eingeschränkte Möglichkeiten der Revierverteidigung. Es wurde vermutet, dass die Entscheidung eines Rotmilans, am Sammelgeschehen teilzunehmen oder nicht vom individuellen Kosten-Nutzen-Verhältnis abhängt. Nach Berücksichtigung der allgemeinen Hypothesen legten Catitti et al. ihren Untersuchungen folgende Annahmen zu Grunde und vermuteten folgende Ergebnisse:
Die Teilnahme an Gemeinschaftsschlafplätzen könnte mit dem Alter wegen sinkender Vorteile abnehmen (da im Alter sowohl zunehmendes Wissen über Nahrungsorte, als auch zunehmend bessere Fähigkeiten, flüchtige Nahrungsquellen eigenständig zu finden, verfügbar sind).
Nach Besetzung eines Brutrevieres könnte die Schlafplatzbeteiligung sinken, da die Kosten des Verlassens etablierter Reviere zunehmend die Vorteile der Teilnahme überwiegen.
Da männliche Brutvögel für die Revierverteidigung zuständig sind, wurde angenommen, dass ihre Kosten für die Teilnahme höher als die der Brut-Weibchen sind. Das ließ einen am stärksten ausgeprägten Rückgang der Beteiligung in der Gruppe der brütenden Männchen erwarten.
Ferner wurde vermutet, dass Brutpaare auch während der nicht-Brutzeit paarbindendes Verhalten zeigen würden und mit ihren Partnern sowohl an gemeinschaftlichen, als auch an nicht-gemeinschaftlichen Schlafplätzen in Verbindung bleiben.
Außerdem wurde angenommen, dass Eltern und Nachkommen oder Geschwister bevorzugt gemeinsam an Gemeinschaftsschlafplätzen auftreten würden.
Ergebnisse: Über 83 % der besenderten Rotmilane wurden mindestens einmal an einem gemeinschaftlichen Schlafplatz nachgewiesen, wobei die durchschnittliche Teilnahme im Alter von 3 Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Junge Männchen nahmen häufiger teil als junge Weibchen und nicht brütende Vögel doppelt so häufig wie Brutvögel. Adulte Männchen nahmen unwesentlich häufiger teil als adulte Weibchen. Beide Geschlechter überwinterten zu ähnlichen Anteilen in der Schweiz. Rotmilane zeigten eine Wiederholbarkeit in ihren Schlafplatznutzungen, insbesondere die als Jungvögel markierten. Außerhalb von Sammelgebieten nächtigten Rotmilane ihren Nestern (Geburts- oder Brutplätze) nah (mit einer durchschnittlichen Entfernung von 697 m). Brutpaare neigten zum gemeinsamen Nächtigen, insbesondere an nicht-Gemeinschaftsschlafplätzen in der Nähe ihres Brutrevieres. Dies steht im Gegensatz zu den Ergebnissen über Verwandte (Eltern-Kind und Geschwister), die Begegnungen an Gemeinschafts-, als auch nicht-Gemeinschaftsschlafplätzen mieden (möglicherweise um das Risiko von Inzucht zu verringern). Zusammengefasst wurde festgestellt, dass die Teilnahme mit Alter, Geschlecht, sozialen Beziehungen und dem ganzjährigen Territorialverhalten brütender Vögel (und ihrer vermutlichen Stärkung der Paarbindung) variiert, wobei junge, nicht brütende Männchen die höchste Teilnahmebereitschaft zeigten. Die Ergebnisse stützen die Idee, dass Unterschiede in Erfahrung und geschlechtsspezifischen Rollen die Schlafplatzwahl eines Rotmilans beeinflussen. Die Vorteile der Teilnahme an Gemeinschaftsschlafplätzen (wie Nahrung finden, Territorien sichern und Partner finden) sind für junge, unerfahrene Rotmilane am relevantesten, die ihre Lernkurve beschleunigen und Kenntnisse über verfügbare Nahrungsquellen in der Umgebung gewinnen können. Erwachsene Brutvögel nehmen hingegen nur dann teil, wenn die Vorteile außergewöhnlich hoch sind (z. B. Nahrungsknappheit nach Schneefall) oder wenn die Kosten minimal sind (z. B. kurze Wege aus den Brutgebieten). Die Studie zeigt, dass die Tendenz zur Teilnahme an gemeinschaftlichen Schlafplätzen mit dem Alter abnimmt- entsprechend einer häufigen abnehmenden Sozialität älterer Tiere (einschließlich Menschen).
Literatur
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