Petti und Bale

Petti hat ein Geschwisterchen. Aufgrund der tollen Zusammenarbeit mit dem Team des FTZ der Uni Kiel war es uns möglich, in dieser Saison weitere Rotmilane mit GPS/GSM-Sendern auszustatten. Dazu gehört auch ein Jungvogel aus dem Nest in der Nähe des Gutes Pettluis in welchem auch Petti groß geworden ist. Unser Pate Nils Kuhnert verfolgt nun beide Vögel und teilt seine Erkenntnisse und Gedanken mit uns. Vielen Dank dafür und viel Spaß beim Lesen.

Eigentlich gilt es, die Erkenntnisse über unsere in Schleswig-Holstein besenderten Rotmilane und die Besonderheiten der Beobachtungen dieses Sommers gründlicher auszuwerten, als nur zwischendurch eine Mitteilung zu schreiben. Die Beobachtungen dieses Sommers waren für mich erstaunlich, faszinierend und manchmal auch berauschend.

Die Verfolgung der beiden besenderten Vögel aus der Blunkerbach-Niederung zog mich teilweise in einen Sog, dem ich mich kaum entziehen konnte. Wenn ich movebank.org im Rechner öffnete, musste ich einfach los und ließ dann andere Aufgaben liegen, die eigentlich dringend und vorrangig meiner Aufmerksamkeit bedurft hätten. Ich war – ehrlich gesagt – manchmal grenzwertig ambitioniert …

Die Suche nach den Vögeln gestaltete sich trotz der Sender als sehr herausfordernd, da ich den Aufenthaltsort bei movebank.com jeweils nicht in Echtzeit erfahre, sondern immer ca. 6–8 Stunden später. So manches Mal hätte ich mir gewünscht, mich der Bewegungsökologie einer anderen Art, beispielsweise von Laufkäfern oder Schlangen, verschrieben zu haben als derart agilen Tieren wie Rotmilanen.

Wir wissen, Rotmilane sind am Himmel so schnell da, wie sie auch wieder verschwunden sind. Während einer Beobachtungsphase mit dem Fernglas genügt oft nur der Wechsel zum Spektiv, um den Vogel komplett aus den Augen zu verlieren. Hinzu kam, dass ich lange Zeit nicht sicher war, ob ich Petti überhaupt an seinem Sender erkennen würde, da auf allen Fotos, die ich direkt nach der Besenderung von dem Vogel machen konnte, der kleine Sender im Gefieder nicht zu erkennen war.

Inzwischen ist klar: Der Sender ist beim fliegenden Vogel durchaus gut sichtbar, denn kurz vor meinem Sommerurlaub gelang mir schließlich doch noch eine Sichtung. „Da bist du ja, Petti!“, hörte ich mich leise sagen, als ich ihn nach wohl sechs Wochen intensiver Suche endlich für wenige Momente in der Schmalfelder Au durch meine Spektiv wiedersah. Meine letzte Begegnung mit ihm war zu diesem Zeitpunkt acht Monate her, und der Vogel war zwischenzeitlich einmal nach Spanien und wieder zurück etwa 4.200 km in seine Heimat zurückgeflogen.

Petti ist nun im zweiten Kalenderjahr und seine Aneignung der Landschaft, in die er hineingeboren worden war, beeindruckte mich. Dass ich den Vogel überhaupt fand, gelang nur, weil Stefan Garthe aus dem FTZ-Team mich verabredungsgemäß über eine längere Zeit mit den aktuellen Tracks des Vogels – also ohne Zeitverzug – versorgte. Manchmal sogar zwei Mal am Tag! Mit einem Kartenausschnitt und einer Markierung des gegenwärtigen Aufenthaltsorts im Anhang erreichte mich dann eine Mail mit der Kurznotiz: „Vor fünf Minuten hier!“ – und ich hastete ins Auto, das stets mit allen optischen Gerätschaften bereitstand und raste los ...

Doch wie erkundet ein Vogel im zweiten Kalenderjahr den Lebensraum, in dem er im dritten Kalenderjahr vermutlich zur Brut schreiten wird? Wo genau hält er sich auf und warum gerade dort? Wovon ernährt er sich eigentlich? Welche Gebiete sind für ihn attraktiv, was hält ihn hier und wann wechselt er seinen Bezugsraum? Mit wem ist er unterwegs? Welchen Ort erkundet er genau? Warum diesen und nicht einen anderen? Interessiert ihn sein Geburtswald noch? Wo schläft der Vogel eigentlich? Welche Habitate bevorzugt er? Wie ernährt er sich? Was tut er bei großer Hitze? Und wovon ernährt er sich, wenn seine klassische Beuteart nicht verfügbar ist? Wie verhält sich der Vogel während der Erntezeiten und während der verschiedenen landwirtschaftlichen Bearbeitungsschritte im Jahresverlauf? Wie sozial ist er in den Zeiten außerhalb der Territorialphase? Ist der Vogel in Gesellschaft?

Es gibt zahlreiche Fragen, zu denen wir nun Hypothesen bilden können, da wir seit dem Besendungsprojekt in SH über Bewegungsdaten und Aufenthaltsorte von mehreren Rotmilanen verfügen.

Die Daten allein sind durchaus gut, aber erst in Kombination mit der tatsächlichen Beobachtung des Vogels in der Landschaft und der Verfolgung seines Verhaltens im jeweiligen Lebensraum werden sie richtig interessant. Erst diese Kombination beflügelt die Hypothesen über den ökologischen Sinn des Verhaltens von Petti als Repräsentant seiner Art in Schleswig-Holstein.

Unser zweiter besenderter Vogel ist Bale. Bale ist 2026 im gleichen Wald und sehr wahrscheinlich von den gleichen Elternvögeln erbrütet worden wie Petti.

Die Frage, ob die Jungvögel auf dem Zugweg in Gesellschaft sind, können wir bislang nicht sicher beantworten. Dass unsere beiden Vögel außerhalb der Revierbildungsphase jedoch sehr gesellig sind, ist mehr als wahrscheinlich, denn sowohl Petti als auch Bale waren bei all meinen Beobachtungen nie allein, sondern in Gesellschaft von jeweils zwei bis 18 Vögeln! Sommer(schlaf)gemeinschaften sind also gar nicht selten, sondern im Rahmen meiner diesjährigen Beobachtungen zweier telemetrierter (Jung-)Rotmilane die Regel gewesen.

Bale ist nun am 25. September ins Winterquartier aufgebrochen (interessanterweise brach Petti als Jungvogel im letzten Jahr fast zeitgleich, nämlich am 23. September, auf). Seine Route führt stringent in die richtige Richtung, hin zur iberischen Halbinsel. Ein Phänomen, das auch bei Petti beobachtbar war. Ohne Ortskenntnisse beginnt auch dieser Vogel seine über 2.000 km lange Strecke ins Winterquartier und erkennt von Anfang an die korrekte Richtung. Das ist eine faszinierende Kompetenz, die auch Bale ganz offensichtlich nicht erlernt haben kann.

Erstaunlich ist zudem, dass sich Bale vor dem Start für mindestens acht Tage in einer Schlafgemeinschaft mit gut zehn vorwiegend adulten Rotmilanen befand, die den Schlafwald bis mindestens zum 28. September immer noch nutzen, also im Gegensatz zu ihm nicht abgeflogen sind. Das heißt, Bale hat sich aus dieser Gruppe offenbar eigenständig gelöst und folgt seiner eigenen Chronologie. Es ist für mich ausgesprochen faszinierend, die Kriterien seiner inneren Abwägung zu verstehen. Wann und unter Bezugnahme welcher wie priorisierter Bedingungen beschließt er ins Winterquartier aufzubrechen. Da ist zum einen seine genetische Disposition, die vermutlich einen Zugdruck erzeugt. Zum anderen gibt es vielleicht eine soziale Bindung im Verbund der Rotmilansommergeeinschaft, sowie die aktuelle Nahrungsverfügbarkeit und die Wetterbedingungen zu berücksichtigen. Wie wägt er ab? Wie ist das Verhältnis zwischen Determiniertheit und Autonomie seiner Impulse genau zu denken?

Abbildung 1: Bales Abzug straight in Richtung Südwest.

Abbildung 1 zeigt Bales enorme Flugrichtungskompetenz und sein konsequentes Streben nach Spanien oder Okzitanien in Frankreich. Abbildung 2 zeigt sein Raumnutzungsverhalten in den ersten Monaten seiner Jugend. Für mich ist hier besonders interessant, dass er die gesamte, in Nord-Süd-Richtung verlaufende Blunkerbach-Niederung intensiv nutzte. Man könnte darauf schließen, dass die Nahrungsverfügbarkeit in diesem von Grünland geprägten Lebensraum höher war als auf den Ackerbauflächen östlich und westlich davon.

Abbildung 2: Raumnutzung von Bale im ersten Sommer.

Mir ist der Vogel schon jetzt ans Herz gewachsen und es ist wirklich zu hoffen, dass auch Bale die vielfältigen Gefahren seiner jetzigen Reise gut bestehen wird und im kommenden Jahr wohlbehalten in unsere Region zurückkehrt.

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