Eine turbulente Saison
Wir erleben in diesem Jahr eine turbulente Saison mit vielen Hochs und Tiefs. So turbulent, dass wir nicht wie gewohnt regelmäßig berichten konnten. Da wir jedoch in den letzten Tagen gehäuft nestjunge Rotmilane unter den Nestern finden, wollen wir unbedingt nochmal daran erinnern, dass jetzt die wichtigste Zeit für die Nestkontrollen ist – auch außerhalb des Projektgebietes. Wenn ihr eure Reviere kontrolliert, schaut jetzt möglichst häufig und regelmäßig (am besten 2x wöchentlich) nach dem Rechten und geht bitte auch direkt unter die Nester – vor allem wenn sich im Verhalten der Altvögel etwas geändert hat.
Die Saison startete in diesem Jahr recht früh und zunächst sehr erfreulich. Fast alle uns bekannten Reviere im Projektgebiet waren besetzt, im Süden gab es einige neu entdeckte Brutreviere und auch im Osten war die Dichte nochmal höher. Für drei Reviere konnten wir neue Pat*innen gewinnen, die sich schnell mit ihren Revieren und den neuen Aufgaben vertraut machten und mit großem Engagement dabei sind. Forstliche Eingriffe nahe den Brutplätzen konnten zu Beginn der Brutzeit verhindert werden oder die Rotmilanpaare wichen noch aus und besetzten ruhigere Feldgehölze. In fast allen Revieren konnten wir den Schlupf der Jungen feststellen und es gab in diesem Jahr erfreulicherweise keine Altvogelverluste in der Bebrütungsphase.
Die erste Beringungsrunde startete mit Zwei- und Dreier-Bruten (Abb. 1), aber auch mit einem ersten Totfund. Das Junge lag in kurzer Entfernung vom Nistbaum und befindet sich zur Untersuchung im Landeslabor Neumünster. Einige Tage später musste derselbe Pate in seinem zweiten Revier auch den dort bisher fidel im Nest beobachteten Jungvogel tot unter dem Nistbaum bergen. Auch dieser befindet sich im Landeslabor zur Untersuchung. Bei beiden Vögeln gab es keine Anzeichen auf Prädation als Todesursache.
Drei Nestlinge bei der Beringung. Foto: T. Grünkorn
Die zweite Beringungsrunde brachte auch wieder schöne Momente nah am Brutgeschehen in den Nestern. Aber auch hier mussten einige erst kurzfristig verwaiste Reviere in die Negativliste aufgenommen werden, in denen bei den Vorkontrollen noch Aktivität festzustellen war. In diesen Revieren waren entweder Prädationsspuren oder gar keine Spuren vom Nachwuchs zu finden. In einem Nest fanden wir einen verletzten jungen Rotmilan, neben seinen augenscheinlich gesunden zwei Geschwistern vor. Eine Patin brachte den stark blutenden Vogel gleich in die Tierklinik nach Wasbek, wo er überraschenderweise noch vor der zweiten Nacht verstarb. Bei der Nachkontrolle fand die Nestpatin des Revieres ein weiteres Nestgeschwister tot unter dem Nistbaum, welches nun auch im Landeslabor untersucht werden soll.
Leider endet die Negativliste mit diesen Ereignissen noch nicht. In einem weiteren Revier fanden die Pat*innen einen adulten toten Rotmilan unweit seines Nestes. Im Nest waren bei der Kontrolle durch das Kletterteam des Projektes keine Jungvögel mehr zu finden, obwohl einige Tage zuvor noch Fütterungsflüge beobachtet wurden. Auch dieser Altvogel wurde im Landeslabor untersucht, welches aber die Todesursache wegen der stark fortgeschrittenen Verwesung nicht mehr feststellen konnte.
Bei den Bruterfolgskontrollen der Rotmilan-Brutpaare im Winter-Sammelgebiet RD (ca. 5 km außerhalb der Projektfläche) wurden zwei massive Störungen der Bruten durch Forstarbeiten festgestellt, die zur Anzeige gebracht wurden. Im nächsten Rundschreiben der OAGSH werden die beiden Fälle genauer dargestellt, worüber wir euch informieren werden.
Doch es gibt auch viele schöne Momente. Regelmäßig können die Pat*innen der Reviere und das Projekt-Team die Flüge der besenderten Vögel verfolgen. Über Petti , einen der im letzten Jahr besenderten Jungvögel, berichtet unser Pate Nils Kuhnert sehr kontinuierlich (https://www.projekt-rotmilan-sh.de/projektjahr-2026). In der vergangenen Woche konnten wir weitere vier Rotmilane in Zusammenarbeit mit dem Team des FTZ der Uni Kiel besendern. Möglich ist dies durch Spenden der Naturschutzgemeinschaft Blunkerbach und des Naturschutzringes sowie ehrenamtliche Arbeit geworden. Die Pat*innen, das FTZ-Team und wir freuen uns sehr darauf, die Flüge der Rotmilane und ihre Wanderungen zu verfolgen.
Unseren fast 30 Pat*innen möchten wir noch einmal ganz herzlich für das nicht selbstverständliche Engagement danken. Es gibt Reviere, in denen noch nicht ein Jungvogel in der gesamten Projektlaufzeit flügge geworden ist – und trotzdem sind alle regelmäßig unterwegs in den Revieren, haben sich großartig in die Materie eingearbeitet, halten uns immer auf dem Laufenden und streifen gemeinsam mit uns durch die Wälder.
Südlich unserer Probefläche konnte ein besonderer Brutplatz eines Rotmilans dokumentiert werden. Wie schon länger bei Kolkraben und hin und wieder bei Mäusebussarden üblich, brütete dort erstmals in Schleswig-Holstein ein Rotmilan auf einer Hochspannungsleitung (Abb. 2).
Mastbrut eines Rotmilans. Foto: H. Wirth
Heute bekamen wir Fotos von den ersten Ästlingen (Abb. 3). Hoffen wir darauf, dass die weiteren jungen Rotmilane gut in die Luft kommen und kontrollieren die nächsten Tage besonders intensiv.
Erster Ästling. Foto: M. Prokopek
Viel Luft unter die Flügel unserer Rotmilane
Euer Projekt-Team
Ergänzend praktische Hinweise:
Zuallererst die Auffindesituation mit Kamera dokumentieren und dann unbedingt an die Eigensicherung denken! Handschuhe tragen bzw. direkten Hautkontakt verhindern, zur Sicherheit trotzdem Hände waschen und/oder desinfizieren.
Vorbereitet sein: Dazu gehört hilfreiche Kontroll-Ausrüstung dabeihaben: Einweghandschuhe, Handdesinfektion, Flasche mit Leitungswasser, einen größeren Müllbeutel und im Pkw kann in den kommenden Wochen das Mitführen eines durchlöcherten mittelgroßen Kartons hilfreich sein, denn Findlinge haben so am wenigsten Stress.
Bezieht bei der Kontrolle zudem überschlägig einen Radius von 50 Metern um das Nest mit ein.
Verletzt, geschwächt oder verstorben? Lasst euch nicht täuschen! Wenn ein junger Rotmilan die Augen weit geöffnet hat und dabei blinzelt, stellt er sich nur tot. Dieses Verhalten wirkt erstaunlich echt und hat den Vorteil, dass sich ein Findling in aller Regel problemlos in Obhut nehmen lässt.
Projektteam – über die bekannten Telefonnummern mehrfach anwählen – alarmieren! Holt auch untereinander Rat ein. Bitte bedenkt, dass Sprachnachrichten keine Dringlichkeit erkennen lassen und keine Überschrift haben.
